Mitarbeiter brauchen einen Sinn für ihre Arbeit – keine Ballbecken


5. Oktober 2019   Dr. Sophia Bolzano
New Work | EAP Institut | kreativ und sinnorientiert arbeiten

Mitarbeiter brauchen einen Sinn für ihre Arbeit – keine Ballbecken

Keynote Zusammenfassung von Hirnforscher Gerald Hüther

Wie stellen sich Menschen das hochgepriesene neue Arbeiten „New Work“ vor? Eine 4-Tage-Woche inklusive lockere Gespräche am Tischfußballtisch oder im Bällebad, viel Zeit im Home-Office, im Büro gemütlich in der Chillout Lounge abhängen? Laut Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie an der Uni Göttingen, Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung und Bestseller-Autor, geht es jedoch um etwas ganz anderes bei der „New Work“ Bewegung.

Begeisterungsfähigkeit und Kreativität werden gebraucht

Hüther: „Mit New Work ist nicht gemeint, dass man am Kickertisch spielt, sondern dass man spielerisch neue Ideen ausprobieren kann. Doch ist es schwer, dafür einen Rahmen zu schaffen. Denn die meisten Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass sie nur arbeiten, um Geld zu verdienen. Und ich glaube, dass es unendlich viele Leute gibt, denen das Prinzip „Arbeiten, um Geld zu verdienen“ zum Hals raushängt, und die ihrem Leben einen ganz anderen Sinn geben möchten.“

So lange nur sich ständig wiederholende Abläufe abgearbeitet werden, bleiben Begeisterungsfähigkeit und Kreativität auf der Strecke. Geld ist natürlich weiterhin wichtig, doch keineswegs der Hauptmotivator, warum Menschen gerne und sinnerfüllt arbeiten möchten.

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Unsere Gesellschaft als Fußballmannschaft

Hüther: „Was wir brauchen, ist etwas, das es bisher noch nie gegeben hat: Eine individualisierte Gemeinschaft. Das ist eine Gesellschaft, in der sich jeder als Subjekt, also als eigenverantwortliches Wesen, erlebt. Sie ist vergleichbar mit einer Fußballmannschaft: Es kommt auf jeden an, aber jeder muss etwas anderes besonders gut können, und wer gerade den Ball hat, hat das Sagen.“

Wir Menschen brauchen dringend Verbundenheit und das Gefühl, wertvoll zu sein – beides Grundbedürfnisse, die einerseits hoch attraktiv für eine Gemeinschaft sind, andererseits auch schwierig sind, gelebt zu werden.

Hüther: „Viele Menschen werden auf der Arbeit, in der Ausbildung oder der Schule zum Objekt gemacht. Zum Objekt der Erwartungen, Bewertungen oder sogar Maßnahmen anderer. Und wenn man diese Objektrolle annimmt, verliert man das, was den Menschen auszeichnet – den eigenen Willen.“

Keimzelle der co-kreativen Gemeinschaft

Hüther: „Wir sind ja alle so sozialisiert, dass wir gar nicht glauben, alleine etwas verändern zu können. Doch die frohe Botschaft lautet: Das menschliche Gehirn ist formbar. Also geht es prinzipiell schon. Man muss es nur wollen. Wenn man sich also zusammentut, passiert oft das Wunder, dass mehrere Gestaltungsspielräume sich miteinander verbinden. Und der so entstandene Spielraum ist viel größer als der, den sich ein Einzelner verschaffen kann. Das Ergebnis ist ein Team, das wirklich etwas umsetzen kann.“

In Hüthers Buch „Wie Träume wahr werden“ geht es um die Bildung einer co-kreativen Gemeinschaft, eines Teams aus lauter Gleichgesinnten, die sich vorher durch intensiven Austausch gefunden haben. Eine Art Keimzelle kann so entstehen. Die beteiligten Personen suchen nach immer neuen Mitstreitern, die nicht unbedingt in jeder Hinsicht gleichgesinnt sein müssen.

Hüther: „Idealerweise müssten sie so unterschiedlich wie möglich sein. Dadurch wird der Schatz an Wissen und Können, den sie miteinander teilen, möglichst groß. Wenn Menschen mit Expertenwissen in verschiedenen Bereichen ihre Ideen einbringen, entsteht etwas, das niemals entstehen kann, wenn ein Einzelner allein seine Kreativität entfaltet.“

Bahnbrechende Entwicklungen entstehen oft beim Spaziergehen

Wichtig scheint zu sein, dass Schluss ist mit Deadlines und Druck. Doch in hierarchisch geführten Unternehmen wird das schwierig, denn diese Prozesse brauchen einen Rahmen, der die Herausbildung co-kreativer Gemeinschaften möglich macht.

Hüther: „Die großen kreativen Leistungen wurden nicht von Menschen vollbracht, die eine Deadline hatten. Sogenannte „Breakthrough Innovations“ entstehen oft beim Spazierengehen, unter der Dusche oder im Bett. Auch in einem Team müssen Bedingungen geschaffen werden, die druckfrei und spielerisch sind. Denn nur dann sind Menschen kreativ, wenn sie sich nicht im Modus der sogenannten „fokussierten Aufmerksamkeit“ befinden. Dieser Zustand tritt nur dann auf, wenn unter Druck gearbeitet wird, wenn die Angst da ist, die Deadline oder etwas Bestimmtes erreichen oder etwas erfinden zu müssen.“

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Laut dem Hirnforscher sind in diesem Modus nur sehr wenige Areale im Gehirn aktiv. Für kreative Leistungen müssen aber viele verschiedene Netzwerke gleichzeitig aktiviert werden, nur dann können sich Areale verknüpfen, die normalerweise gar nicht miteinander „reden“. Etwas Neues kann entstehen.

Allen muss es um ein gemeinsames Anliegen gehen – nicht um die eigene Karriere.

Hüther: „Dieses gemeinsame Anliegen muss etwas sein, das den Leuten unter die Haut geht, ihnen wirklich am Herzen liegt.“

Hier ein Beispiel, das Hüther für ein solches Anliegen nennt. Der Geschäftsführer des Unternehmens Upstalsboom, Bodo Janssen, verfolgt das Ziel, dass jeder seiner Mitarbeiter selbstbestimmt arbeitet und „in seine Kraft kommt“, wie er es nennt.

In dem Film „Die stille Revolution“, in dem es um Upstalsboom geht, wird eine Zimmerfrau gefragt, warum sie in diesem Unternehmen arbeitet. Sie antwortet: „Früher habe ich hier gearbeitet, um Geld zu verdienen. Aber heute arbeite ich hier, weil wir mit dem Gewinn die nächste Schule in Ruanda bauen wollen.“

Herrn Janssen wurde klar, wie unterentwickelt die Bildungssituation in Ruanda ist und wie günstig und einfach es ist, eine Schule vor Ort zu bauen. Er befragte seine Mitarbeiter, ob sie damit einverstanden wären, die Unternehmensgewinne zu verwenden, um Schulen in Ruanda zu bauen. Sie stimmten alle zu. Seitdem fliegen auch immer wieder Mitarbeiter dorthin, um sich das Ergebnis anzuschauen.

Hüther:

„Diese Zimmerfrau hatte plötzlich einen ganz neuen Sinn in ihrer Arbeit gefunden. Sie sagte, dass sie noch nie so schön Betten gemacht und die Zimmer noch nie so liebevoll dekoriert habe. Sie möchte, dass jeder Gast sich hier so wohl fühlt, dass er uns überall empfiehlt, damit wir möglichst viel Gewinn machen und die nächste Schule bauen können.

Das ist „New Work“!

Gerald Hüther hat diese Keynote auf der Xing New Work Experience am 07.03.2019 gehalten.

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