Tod und Trauer am Arbeitsplatz


11. November 2019   Dr. Sophia Bolzano
Tod und Trauer am Arbeitsplatz

Tod und Trauer am Arbeitsplatz

Interview mit Edda Kaufmann (Beraterin des EAP Instituts mit Schwerpunkt Trauerberatung)

Zu einem Thema, das uns wohl alle im Leben mehrmals betrifft, haben wir ein Interview mit unserer geschätzten Kollegin und Beraterin Mag. (FH) Edda Kaufmann geführt.

Welche Bedeutung und Konsequenzen haben Todesfälle von nahen MitarbeiterInnen, KollegInnen, Führungskräften für ein Unternehmen?

In Österreich sterben rund 83.000 Menschen pro Jahr – davon können Mitarbeiter in einem Unternehmen entweder in ihrem familiären Umfeld betroffen sein, als auch direkt KollegInnen durch einen Todesfall verlieren. Auch die Trauerreaktionen nach Diagnosestellung bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung sowie die Reaktionen von Kindern und Jugendlichen als Angehörige können zutiefst „betreffen“ und eine Reaktion und Veränderung im Arbeitsalltag hervorrufen.

Der Umgang mit Todesfällen und Trauer in einem Unternehmen steht in enger Verbindung mit dessen Unternehmenskultur und Krisenmanagement. Die Reaktion auf einen Todesfall signalisiert nach innen und außen, wie der Arbeitgeber mit diesem Thema umgeht und kann entweder ein positives Gefühl und Sicherheit aber auch im nicht gelingenden Fall große Unsicherheit hervorrufen. Denn Trauer am Arbeitsplatz ist eine Aufgabe, die aufgrund dieser Unsicherheiten und Berührungsängste im Unternehmen vielfach tabuisiert und nur am Rande thematisiert wird. Doch die Führungskräfte und die Unternehmensleitung – und hier insbesondere das Human Resource Management – müssen sich um eine neue Kultur des Umgangs mit Sterben, Tod und Trauer einsetzen, aus Verantwortung für den einzelnen Menschen und Mitarbeiter, aber auch aufgrund der direkten wirtschaftlichen Konsequenzen.

Leistungsabfall, verstärkte psychische Belastung im Arbeitsalltag, langer oder wiederholter Krankenstand, Teamkonflikte, der plötzliche Ausfall eines Verhandlungs- oder Geschäftspartners, Imageschaden nach innen und außen sowie Orientierungslosigkeit nach Tod oder bei Trauer einer Führungskraft sind nur einige der Konsequenzen.

Die Wiedereingliederung trauernder Mitarbeiter stellt ein Unternehmen ebenso vor große Herausforderungen und ist von ebensolcher Bedeutung wie die Vorbereitung des Teams auf die Rückkehr. Trotzdem die Trauer eine natürliche Reaktion auf einen Verlust darstellt, kann keinesfalls von einem „Funktionieren“ sofort nach Wiederaufnahme der Beschäftigung ausgegangen werden. Obwohl es auch Trauernde gibt, die ihre Arbeitsroutine nutzen, um sich zu stabilisieren, da die gewohnten Abläufe und lösbaren Arbeitsaufgaben auch als ein guter Kontrast zur als chaotisch empfundenen Trauerarbeit wahrgenommen werden können.

Welche Facetten von Trauer gibt es?

Trauer ist eine natürliche Reaktion auf einen Verlust – Trauern (zu können) ist zugleich Ausdruck eines Verlustes sowie auch Bewältigung desselben. Einflussfaktoren, die den Verlauf der Trauer prägen, sind wohl die Umstände des Todes, die Art der Beziehung zu dem/der Verstorbenen aber auch die trauernde Person.

Dabei ist auch ganz wichtig anzufügen, dass auch versteckte und sozial nicht anerkannte Trauer, beispielsweise nach Trennungen und Scheidungen, Erkrankungen von Angehörigen wie bei Demenz und auch Fehl- und Todgeburten berücksichtigt werden muss, da diese Umstände ebenso Trauerreaktionen auslösen – auch wenn diese gesellschaftlich oft noch viel schwerer anerkannt werden.

Trauer verläuft auch nicht erwartungskonform und vor allem nicht an linearen Zeitverläufen orientiert, oft empfinden gerade die erfolgsorientierten Berufstätigen – die „High Performer“ sehr schnell den Druck „schnell“ und „unauffällig“ trauern zu müssen – oftmals schon nach einer von außen nur sehr kurz bemessenen und anerkannten Trauerphase.

Die Vielfalt der Reaktionen bei Trauer beinhaltet nicht nur „Traurigkeit“, sondern auch Schock, Wut, Angst, körperliche und kognitive Beeinträchtigungen wie psychosomatische Beschwerden, Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Muskelschwäche und Antriebslosigkeit – genauso wie Hyperaktivität und Unruhe, um nur einige der Reaktionen zu nennen.

Gibt es denn Möglichkeiten und Maßnahmen bei Trauerfällen am Arbeitsplatz, die ja ein zutiefst individuelles Geschehen und Erleben darstellen?

Die Bandbreite beim Umgang mit Tod und Trauer am Arbeitsplatz ist eine große: Von der Etablierung eines betrieblichen Trauermanagements im Rahmen der Unternehmenskultur und im Sinne der Prävention und Vorbereitung (Wer ist Ansprechpartner? Welche externen Angebote helfen uns? Wie sieht unsere externe und interne Krisenkommunikation aus?) bis zur praktischen und unterstützenden Trauerarbeit nach einem konkreten Todesfall.

Hierbei können Möglichkeiten zum Abschied nehmen in Form von Ritualen, der Gestaltung von Abschiedszeremonien und Traueranzeigen, die Erstellung von feinfühligen Kondolenzschreiben, wertschätzender Umgang mit den Trauernden und Angehörigen eines Mitarbeiters/einer Mitarbeiterin sowie Erinnerungskultur unterstützend angewendet und etabliert werden.

Der kontinuierlich wertschätzende Umgang im Sinne einer positiven Kommunikation und Wertehaltung dem Mitarbeiter/der Mitarbeiterin gegenüber, stärkt über den ganzen Trauerprozess hinweg und eröffnet Möglichkeiten und Räume, MitarbeiterInnen bei der Wiedereingliederung zu unterstützen und an das Unternehmen zu binden.

Oftmals kann Aufklärung im Rahmen von Seminaren über Trauer im Sinne einer Psychoedukation bereits Unterstützung und Hilfestellung geben – sowohl präventiv wie auch in einer akuten Trauersituation.

Es herrscht oft tiefe Unsicherheit und Sprachlosigkeit nach einem Todesfall – was würden Sie KollegInnen im Angesicht dieses tabuisierten Themas empfehlen?

KollegInnen, die nach einem Todesfall in der Familie wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, empfinden dort oft ein zusätzliches Gefühl der Einsamkeit und Isolation. Auch wenn man sehr vorsichtig mit gutgemeinten Ratschlägen umgehen muss und diese vermeiden sollte, so wirkt ein Zugehen und Ansprechen einer weiteren Tabuisierung entgegen.

Jeder möchte natürlich individuell behandelt und begleitet werden, doch eine ernst gemeinte Bereitschaft und Frage, ob und wie jemand darüber sprechen möchte, oder auch einfach der Ausdruck der eigenen Unsicherheit und Sprachlosigkeit können zu einem positiven Gefühl des Gesehen und Wahrgenommen werden führen.

Ein wiederholtes Nachfragen und Signalisieren der Bereitschaft eines Gesprächs hilft oft auch noch Wochen und Monate nach einem Trauerfall, da die Hemmung von Trauernden sich aktiv Hilfe zu holen sehr groß ist, insbesondere am Arbeitsplatz – an dem man funktionieren und Leistungen erbringen soll.

Edda Kaufmann möchte Mut machen, diesen Mut aufzubringen – es lohnt sich!

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